Muttergefühle

Auf einmal liegt da ein kleines Wesen auf meiner Brust. Es weiß noch nichts von seiner winzigen Größe, denn schreien tut es schon wie ein ganz großes. Und da ist dieses Gefühl zum ersten Mal da: Ich muss es beruhigen, es beschützen, ihm zeigen, dass alles in Ordnung ist. Ganz langsam und bedacht lege ich meine Hände auf seinen Körper, streichele ihn, mache „Schschsch“-Geräusche und wiege dieses butterweiche Wesen vor mich hin und her. Ich kann mich gar nicht genug an ihm sattsehen. Da ist es, das Gefühl, das ist meins, das habe ich zu beschützen und zu lieben – ein Leben lang.

Von null auf hundert?

Und gleichzeitig fühlt es sich doch so fremd an, alles ging ganz schnell. Plötzlich hat sich alles für immer grundlegend verändert. Es fühlt sich irgendwie so an, als ob ich auf einmal ein fremdes Baby vor die Nase gehalten bekomme und es sofort bedingungslos lieben muss. Dabei ist es mir in diesem Moment doch noch fremd. Auch wenn andere Mütter erzählen, dass sie sofort nach der Geburt diesen einen ganz besonderen Moment hatten. Wenn sie mit feuchten Augen von dem Knall sprechen, von dem Moment, in dem sie ihr Kind das erste Mal im Arm gehalten und sich Hals über Kopf in es verliebt haben. Bedingungslos. Für immer. Ich sehe auf das noch immer brüllende Wesen vor mir: Wie kann man von null auf hundert dieses Muttergefühl empfinden? Muss ich so fühlen? Und überhaupt: Was sind Muttergefühle?

„Muttergefühl, am Ende der Schwangerschaft und nach der Geburt (…) bei der Mutter einstellende, dem Kind zugewandte und dieses verteidigende Gefühlslage, die durch Hormone ausgelöst sowie durch Anwesenheitssignale des Kindes unterstützt wird.“ (Copyright 1999 Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg)

Alles nur eine Sache der Hormone?

Vielleicht. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Ganz banal gesagt sind wir zwar evolutionsbedingt dafür gemacht, Kinder zu kriegen, aber wenn es einen dann selbst trifft, ist alles ganz anders. Hormone hin oder her. Die neue Situation als Mama (und Papa) muss man erst einmal sacken lassen. Genau dafür ist auch das Wochenbett da: Ankommen, kennenlernen und zueinander finden (Warum das bei uns nicht ganz so gut geklappt hat wie gedacht, kannst du hier nachlesen). Und genau hier habe ich auch meine Muttergefühle das erste Mal so richtig entdeckt. Während wir direkt nach der Geburt mit diesem kleinen, schreienden Wesen noch ziemlich überfordert waren, hat es sich daheim im eigenen Bett, das nun zum Familienbett aufgestiegen ist, gleich ganz anders angefühlt. Zugegeben, auch die ersten Tage und vor allem Nächte war es noch merkwürdig und ungewohnt, sich ausnahmslos um eine andere Person zu kümmern und seine eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen.

Ganz der Papa

Überigens Evolution. Was bei mir sicherlich auch eine Rolle gespielt hat zum Thema Muttergefühle (zumindest unterbewusst), war die Tatsache, dass Krümel von seinem Aussehen her anfangs unglaublich nach seinem Papa kam. „So sieht also mein Kind aus?“, dachte ich mir ganz pragmatisch noch in der Gebärwanne im Geburtshaus liegend. Monatelang hatte man sich ausgemalen, welche Partien er wohl von wem hat, von wem er die Haarpracht, Augen oder Lippen erben wird. Und dann liegt da ein fertiges Menschlein auf deiner Brust und sieht so ganz anders aus, als in deiner Phantasie. Das hat die Natur übrigens ganz bewusst so gemacht: Die Kleinen sehen anfangs angeblich immer dem Papa ähnlich. Während sich die Mama in der Natur (in der Regel) immer um ihren Nachwuchs kümmert, soll der Papa mit dem Aussehen seines Mini-mes bestochen werden. Denn was nach einem aussieht, frisst man halt nicht. Es hat noch einige Wochen gedauert, bis auch ich mich in Krümel gesehen habe. „Jetzt kommt er ganz nach der Mama“, habe ich zumindest von vielen in letzter Zeit gehört.

Sei es nun die Ähnlichkeit zu einem selbst, die Hormone oder einfach nur die Zeit: Die Muttergefühle sind definitiv da. Egal, was Krümel macht – sei es sein verschmitztes Lächeln, ein Glucksen, ein fragender Blick – ich kann gar nicht anders, mein Mutterherz schlägt höher. Das muss es sein, von dem alle sprechen: Bedingungslose Liebe.

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