Das verflixte Wochenbett

Von falschen Vorstellungen und dem Wunsch, es allen recht zu machen

Ich hatte mit Krümel bisher wahnsinniges Glück: Erst eine traumhafte Schwangerschaft ohne jegliche (Fr-)Essensgelüste oder Wassereinlagerungen, abgelöst von einer schnellen, selbstbestimmten und natürlichen Geburt im Geburtshaus und zuletzt das Allerwichtigste: Ein gesundes und glückliches Kind. Über das Wochenbett habe ich mir vorab nicht allzu viele Gedanken gemacht. Klar, ich wollte Zeit haben, meine neue kleine Familie ausgiebig kennenzulernen. Aber sonst?

„Seid ja nicht so blöd und kocht Kaffee für euren Besuch“

Während einem Vorsorgetermin bei der Hebamme kam das Thema Wochenbett natürlich auch zur Sprache. „Seid ja nicht so blöd und kocht Kaffee oder backt Kuchen für euren Besuch. Wenn schon, dann sollen die euch was mitbringen. Und sagt ganz klar, wann es euch zu viel wird. Wenn es soweit ist, dann dürft ihr eure Freunde und Familie definitiv auch rauswerfen!“, so deutlich brachte es unsere Hebamme auf den Punkt. Während andere ab der Geburt mehrfach täglich Besuch empfingen, sich Freunde und Familie die Türklinke in die Hand gaben, wählten wir für uns diesen Weg: Im Laufe des Tages nach der Geburt (ich habe im Geburtshaus entbunden und war so nach wenigen Stunden wieder im heimischen Familienbett) sollten unsere Eltern und Geschwister auf einen Sprung (!) vorbeischauen. Dann wollten wir uns erst einmal zwei Wochen, mein Mann hatte sich Urlaub genommen, in unsere Babyflitterwochen zurückziehen und Krümel ankommen lassen.

Gemütlich zu dritt im Bett faulenzen, ganz viel kuscheln und den Blick nicht mehr von diesem wunderbaren Wesen abwenden. So war jedenfalls der Plan. Gekommen ist dann alles ganz anders.

„Dann will ich aber jeden Tag ein Foto von meinem Enkel!“

Die frühen Morgenstunden im Familienbett versuchten wir vergeblich den Schlaf aus der vergangenen Nacht nachzuholen, unsere Nachbarn über uns hatten sich Krümels Geburtstag ausgesucht, um ihr Bad zu renovieren. Und so wälzten wir uns zu dritt hin und her, während über uns die Wandfliesen herausgerissen wurden. Bereits am Vormittag hatten wir ein schlechtes Gewissen, weil wir noch keinem Bescheid gegeben hatten. Und so öffneten wir die Büchse der Pandora. Wir riefen alle Familienmitglieder an, um sie für den frühen Abend auf einen Kurzbesuch zu uns einzuladen. Schon da begann es: Der eine konnte nur dann, der andere nur da, weil es für ihn so praktischer wäre. Und wir gaben nach und richteten uns danach, weil wir ja wollten, dass sie Krümel kennenlernten. Bereits da hätten wir sagen sollen: Nein, das passt uns aber nicht. Doch das trauten wir uns nicht. Und so stand der erste Besuch bereits im Schlafzimmer, während ich es nach der Geburt immer noch nicht geschafft hatte zu duschen. Die Türklinke wurde sich in die Hand gegeben, was wir zuvor vermeiden wollten. Und aus dem Kurzbesuch wurde teilweise eine einstündige Stippvisite („Warum liegt er nicht in einem eigenen Bett?“, „Ist er nicht zu dünn angezogen?“, „Wieso darf ich kein Foto von ihm machen?“). Während meine Eltern uns uns zurückziehen ließen, klappte die Kommunikation mit meinen Schwiegereltern nicht ganz so erfolgreich. Sie fühlten sich vor den Kopf gestoßen, als wir ihnen erklärten, dass wir nun Zeit für uns wollten. Am liebsten hätte uns meine Schwiegermutter täglich und in Begleitung ihrer Freundinnen besucht. Für mich unvorstellbar. Ich hatte immer noch die langen Kuschelstunden im Kopf.

Für mich ist und war es selbstverständlich, dass die frischgebackenen Eltern einladen bzw. entscheiden, wann und wie viel Besuch es sein soll – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Meine Schwiegereltern kannten das von damals noch anders: Bereits im Krankenhaus wurde das Kind großzügig herumgereicht, in der Nacht zum Wohle des Schlafes an das Personal abgegeben und kurze Zeit später zu allen möglichen Ausflügen und Besuchen mitgeschleppt. Mit den Abschlussworten „Dann will ich aber jeden Tag ein Foto von meinem Enkel!“ ließen sie von uns ab. Schon da war ich mit der Situation völlig überfordert. Nein, wir wollten uns doch von der Außenwelt zurückziehen und nicht dauernd auf das Handy starren!

40 neue Nachrichten – täglich

Doch tatsächlich dudelten unsere Handys gefühlt im Minutentakt. Alle wollten gratulieren, Bilder von Krümel haben und uns besuchen. Für mich viel zu viel. Zu viel waren auch die Nachrichten meiner Schwiegermutter: Sowohl im Familien- als auch im eigens eingerichtetem Krümmel-Chat wurden täglich dutzende Fragen gestellt und Vorschläge rund um Erziehung und Namensgebung gemacht. Und dann stand plötzlich mein Schwiegervater im Schlafzimmer, er war „gerade in der Nähe“ gewesen. Nachdem ich ihm immer noch ungeduscht und unten herum blutig und wund (das sollte an dieser Stelle auch mal betont werden: Ich habe wenige Stunden zuvor ein Kind geboren!) erklärte, dass er nicht einfach so vorbeikommen könne, zog dieser beleidigt wieder ab. Meine Schwiegereltern konnten unser Verhalten nicht verstehen. Lange (Rechtfertigungs-) Telefonate folgten, um die Wogen wieder zu glätten, während Krümel und ich im Familienbett warteten.

Ich sehnte mich doch einfach nur nach Ruhe, Harmonie und meinem Wochenbett, das bisher so ganz anders ablief wie gedacht.

Und nebenher noch der ganz normale Alltags-Wahnsinn

Abgesehen von diesem familiären Gefühls-Wirrwarr wartete natürlich auch noch der ganz normale Alltag auf uns. Denn auch, wenn wir uns vorgenommen hatten, ganz entspannt zu dritt im Bett zu bleiben und ich mich komplett meinen Muttergefühlen überlassen wollte: Der Kühlschrank leerte sich zunehmend, die Wäsche stapelte sich zu bedrohlichen Bergen und die ersten Staubflusen wehten durch die Wohnung. Mein Mann versuchte über all dem Herr zu werden, mit der Folge, dass er sich die meiste Zeit außerhalb des Bettes befand. Ach ja: Und ein Baby hatten wir ja auch noch zu versorgen. All das sorgte dafür, dass das Kuscheln und verliebte Betrachten leider immer weiter in den Hintergrund traten. Hinzu kam, dass ich das Ganze mit meinen Schwiegereltern einfach nicht vergessen bzw. hinter mir lassen konnte. Heute weiß ich: Schuld waren auch die Hormone. Nie wieder ist man so emotional, unsicher und angreifbar wie im Wochenbett. Ich grübelte den ganzen Tag lang, was ich hätte anders machen sollen. Während ich in solchen Momenten sonst selbstbewusst und stark war, flossen jetzt die Tränen. Ich war fertig. Nicht wegen der Geburt, dem Baby und gar den Schmerzen – nein, ich weinte, weil ich mich nicht verstanden fühlte, weil ich mich dauernd für alles rechtfertigen musste, einfach: Weil ich nicht in Ruhe gelassen wurde. Und so kam es wie es kommen musste.

Schwiegermuttermilchstau: Und plötzlich ging nichts mehr

Es begann mit einem Unwohlsein und endete mit Bettruhe. Auf einmal ging es mir körperlich gar nicht gut: Zittern, Schwindel, Gliederschmerzen und Frieren. Und als ich dann auch noch merkte, wie hart meine rechte Brust war, hatte ich schon so eine Ahnung: Milchstau. Immer wieder mal gehört, aber davon angesprochen habe ich mich nie gefühlt. Warum auch? Das Stillen klappte ab der ersten Minute. Krümel wusste genau, wie es funktioniert und so ließ ich ihn und meine Brust einfach machen. Never change a running system. Aber ein Milchstau hat eben nur selten körperliche Ursachen. Schuld ist meistens tatsächlich die Psyche. Wie auch in meinem Fall. Meine Hebamme fragte am Telefon als erstes, wie es mir gehe, ob ich Ärger habe oder traurig wäre. Und da brach alles aus mir heraus und ich heulte mich wortwörtlich bei ihr aus. Die Arme kannte das bereits von vielen anderen ihrer Wöchnerinnen: Der sogenannte Schwiegermuttermilchstau. Eines muss man dem allerdings lassen: Er schaffte es, dass ich mich endlich emotional ausruhte, den Kummer und das Grübeln hinter mir ließ. Und mein Mann erkannte, dass ich Ruhe und Abstand zu den anderen brauchte und schirmte mich ab. Endlich war ich mit Krümel allein. Genau das hatte ich schlichtweg gebraucht.

Das verflixte Wochenbett

Nie wieder wird es solch einen magischen Ausnahmezustand geben wie im Wochenbett. Es ist eine wunderschöne und wichtige Zeit für Mutter, Vater und Kind ist, um sich in aller Ruhe kennenlernen zu können. Die Außenwelt und Hektik hinter sich lassen, sich in das Familienbett zurückziehen und einfach nur kuscheln. Nicht umsonst spricht man auch von Babyflitterwochen. Jede kleine Familie muss für sich selbst entscheiden, ob und wie sie das Wochenbett für sich gestalten will. Und Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn haben das bedingungs- und kommentarlos zu akzeptieren (und sollten das am besten auch mit ihrer Hilfe unterstützen).

Letztlich ist es ganz einfach so: Das Wochenbett bereitet einen noch einmal auf das Elternsein vor. Entscheidungen für ein anderes Leben zu treffen und zu diesen auch zu stehen. Es geht nicht mehr darum, es anderen recht zu machen und sich anzupassen, sondern es geht darum, für sein Kind einzustehen. Und so würde ich nach unseren Erfahrungen in den acht Wochen das nächste Mal einiges anders machen. Das wohl Allerwichtigste an der ganzen Sache ist definitiv die Planung. Optimistisch einfach mal zu schauen, wie es so wird und alles laufen zu lassen, ist schlichtweg naiv. Nur wenn Familie und Freunde die eigenen Wünsche kennen, können sie sich auch auf diese einstellen. Aber am Ende liegt es doch an einem selbst, diesen magischen Ausnahmezustand mit seinem Baby in vollen Zügen zu genießen. Ganz egal, was andere denken.

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