Windelfrei: Unser Zwischenfazit nach 6 Monaten

Es ist schon ein halbes Jahr her, dass wir das Experiment Windelfrei gestartet haben. Und ja, es war zu Beginn wirklich ein Experiment. Ein Experiment mit offenem Ausgang. Das ist es, zugegeben, auch immer noch. Ein Zwischenfazit nach diesen sechs Monaten möchte ich aber schon einmal ziehen und hier mit euch teilen. Denn es ist viel passiert.

Wie alles begann

Krümel war gerade einmal vier Wochen alt, als uns unsere Nachsorge-Hebamme auf Windelfrei gebracht hat. Eigentlich war es nur ein Anstoß von ihr. Das „Problem“ war damals Folgendes: Krümel hat immer geweint, bevor er mal musste. Anfangs dachten wir, er weint, weil er eine nasse Windel hat. Aber irgendwann kamen wir dahinter, dass er sich selbst nicht beschmutzen will. Nennt sich auch Nestschutz und ist bei Neugeborenen eigentlich ganz normal. Weiß nur keiner mehr. Unsere Hebamme fand: „Ist doch toll, wenn er euch so deutliche Signale gibt, wenn er mal muss!“ Also haben wir uns mal näher mit dem Thema Windelfrei beschäftigt. Der Grundgedanke dahinter ist, dass Babys auf die Welt kommen und ihre Ausscheidungen schon kontrollieren können bzw. merken, wenn sie mal müssen und nicht wie uns die Gesellschaft und die Industrie vorgaukeln wollen, dass Babys einfach einpieseln bzw. sich anscheißen. Erst wenn ihre Signale, die sie geben, um ihre Bedürfnisse bemerkbar zu machen, längere Zeit ignoriert werden, stellen sie diese ein. Dann verlieren sie auch das Gefühl bzw. die Kontrolle darüber und müssen diese später mittels der Sauberkeitserziehung bzw. dem Töpfchentraining mühsam wiedererlernen.

Aller Anfang ist schwer

So haben wir Krümel also einfach einmal in Hockposition über unserer Badewanne abgehalten. Und tatsächlich kam auch gleich was dabei heraus. Vielleicht hört sich das erst einmal ekelig an, dass das Kind in die Badewanne macht. Aber lieber doch in die Badewanne, in der man alles ganz schnell und unkompliziert wegwaschen kann als in einer dicken, luftdicht verpackten Windel direkt am Popo meines Babys. Allein der Gedanke, dass dieser Dreck bei vielen Babys stundenlang an der Haut kleben bleibt und für teils ziemlich starke Hautausschläge und Entzündungen sorgt, macht mich traurig. Auch wir haben in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt immer wieder einmal mit einem wunden Popo zu kämpfen gehabt. Die vielen Cremes und Salben haben nur bedingt etwas gebracht, wirklich geholfen hat nur eines: Viel frische Luft an den kleinen Popo lassen! Und mit Windelfrei war das natürlich gar kein Problem. Seit wir Windelfrei praktizieren, hat Krümel einen Bilderbuch-Popo, um es einmal so auszudrücken. Auf jeden Fall haben wir anfangs einfach nach Gefühl abgehalten. Oft haben wir dafür nur lautstarkes Geschimpfe geerntet, ab und an hatten wir aber auch Erfolg, der uns motiviert hat, bei der Sache zu bleiben. Zugegeben: Gerade die ersten Wochen Windelfrei hatten sich angefühlt, als würde es nur noch um die Ausscheidungen des Babys gehen und als wären wir jede Viertel Stunde mit Abhalten beschäftigt. Wir waren unsicher und stellten uns viele Fragen: „Wann merken wir, dass er fertig ist?“, „Tut ihm das Abhalten weh?“, „Drückt er gerade?“ und „Was denken die Anderen?“ Ja, unsere Familie und Freunde waren mit Windelfrei ziemlich überfordert. (Fast) keiner kannte es oder konnte sich darunter wirklich etwas vorstellen. Aber nachdem sie es gesehen hatten (und dass es klappte), waren die meisten positiv erstaunt und einige auch ehrlich begeistert. Eine Familie hat es daraufhin selbst ausprobiert und praktiziert heute immer noch Teilzeitwindelfrei.

Die ersten Fortschritte

Wir beobachteten Krümel, wie er auf dieses und jenes reagierte. Und schnell hatten wir raus, wann er wirklich musste. Das Unglaubliche: Recht schnell begann er Signale zu geben. Je nach Phase konnte dies mal eine Faust im Mund, ein lautes Drückgeräusch oder ein leerer Blick in die Ferne sein. So ein Signal hielt mal einige Tage, manchmal auch einige Wochen lang, bevor es von einem neuen abgelöst wurde. Und sogar Freunde und Verwandte erkannten schnell, wenn Krümel signalisierte, dass er musste. Natürlich wäre es gelogen, wenn ich behaupte, es hat immer geklappt. Mal schienen wir die Signale falsch oder zu langsam zu deuten, mal war die Hose ohne jegliche Vorwarnung einfach nass. Aber die ersten Fortschritte waren erkennbar. Bereits nach einem Monat Windelfrei ließen wir die Windel in der Nacht weg. Da war Krümel zwei Monate alt. Nachts klappt Windelfrei bei uns neben dem Tragen immer noch am besten. Bei voller Blase wird Krümel unruhig und wälzt sich im (Familien-) Bett hin und her, wovon ich schnell wach werde. Einmal abhalten, Pyjama wieder an und weiterschlafen. So unkompliziert klappt das bei uns. Etwa einen Monat später haben wir auch immer öfter die Windel am Tag weggelassen. Heute ist es eine Ausnahme, wenn Krümel eine trägt (zum Beispiel bei Besuch, der ablenkt oder wenn wir länger unterwegs sind ohne Abhaltemöglichkeit).

Alles auf null

Bis auf kleinere Kommunikationsmissverständnisse (tatsächlich ist es zu 99 % Pippi, wenn was in die Hose geht) hat Windelfrei erstaunlich super geklappt – bis Krümel vier Monate alt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hat unser kleiner Überflieger angefangen mit dem Krabbeln, alleine zu sitzen, an unseren Händen die ersten Gehversuche zu machen und nebenher haben wir auch die Beikost (in unserem Fall Breifrei) eingeführt. Also kurz zusammengefasst hieß das: Krümel hatte auf einmal viel zu viel zu tun, um sich auf seine Ausscheidungen zu konzentrieren bzw. uns weiter Signale diesbezüglich zu geben. Auf einmal mussten wir raten, wann der kleine Mann mal musste. Alles auf null. Zwar haben wir schnell eine Art Tagesrhythmus feststellen können (z.B. nach dem Aufwachen, nach dem Autofahren usw.), aber auf den Luxus Signale zu bekommen, müssen wir immer noch verzichten. Nichtsdestotrotz klappt Windelfrei dennoch! Es erfordert einfach nur noch mehr Beobachtung und Kommunikation. Und mal gibt es einfach Tage, an denen es eben nicht klappt. Dann stressen wir uns nicht, sondern ziehen Krümel einfach eine Windel an und probieren es später wieder ohne. Sogar unseren ersten Familienurlaub haben wir Windelfrei bestritten.

Windelfrei Equipment

Grundsätzlich braucht man für Windelfrei nichts. Ein Kind und die Motivation, es zu probieren, reichen. Aber natürlich gibt es ein paar Sachen, die vielleicht gerade am Anfang ein wenig hilfreich sein können. So zum Beispiel die Asia bzw. China Töpfchen. Eine gute und einfache Alternative zum Abhalten über der Badewanne oder dem Waschbecken. Aber letztlich entscheidet das Kind dann doch selbst, wo es machen möchte, auch wenn es noch so klein ist. Passt gerade der eine Ort nicht, dann muss es eben in dieser Phase genau der andere sein. Neben den Töpfchen haben wir anfangs auch sogenannte Trainers unbedingt verwenden müssen. Das sind dickere Slips, die einen Großteil auffangen sollen, sollte etwas in die Hose gehen. Nachdem die letzten aber zu klein wurden, sind wir auf ganz normale Unterhosen umgestiegen – und das klappt auch ziemlich gut. Wenn mal etwas nass wird, dann wird nicht lange herumgefackelt, sondern einfach die meist eh schon volle Waschmaschine mit zwei, drei Teilen mehr gestartet. Was uns gerade zu Beginn sehr geholfen hat, war passende Literatur (u.a. „Es geht auch ohne Windeln“). Vieles erkennt man selbst wieder, einiges bleibt im Hinterkopf und nicht selten motivieren einen die richtigen Worte in entscheidenden Situationen. Am allerwichtigsten für das Praktizieren von Windelfrei ist aber eines: Man muss sich Zeit nehmen und sein Kind beobachten bzw. auf seine Bedürfnisse eingehen. So einfach und gleichzeitig schwer ist das.

Unser Fazit nach einem halben Jahr

Krümel ist nun sieben Monate alt und lebt somit seit einem halben Jahr Windelfrei. Tagsüber trägt er normale Unterhosen unter seiner Kleidung, nachts einen Pyjama – ohne Windel. Wie schon oben geschrieben, gibt es aber hin und wieder Situationen, in denen er eine Windel trägt. Wenn wir wissen, dass wir als Eltern abgelenkt sein werden, es keine vernünftigen Abhaltemöglichkeiten gibt, Krümel im Spielen mit anderen Kindern versunken sein wird, dann entstressen wir uns und die Situation und greifen zur Wegwerfwindel. Und das ist auch gut so. Denn Windelfrei bedeutet trotz der misslungenen Übersetzung aus dem Englischen („elimination communication“) nicht, dass Windeln verboten sind. Windelfrei heißt, sein Kind und dessen (Ausscheidungs-) Bedürfnisse wahrzunehmen. Oft gelingt uns das als Eltern ganz gut, oft aber auch so gar nicht. Und dennoch können wir es uns heute nicht mehr vorstellen, unser Baby einfach in eine Windel machen zu lassen. Denn wir wissen: Es geht eben auch anders.

Wie sind eure Erfahrungen zu Windelfrei? Habt ihr euch in der einen oder anderen Situation vielleicht wiedererkannt? Habt ihr Fragen oder sogar Tipps und Tricks?

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